Anne Maria Jagdfeld

Anne Maria Jagdfeld
Klub der Berlin‑Beweger

Die Frau mit dem Gespür für Schönheit – Anne Maria Jagdfeld, Unternehmerin, Designerin, Kunstsammlerin

Anne Maria Jagdfeld ist im KAUPERTS-Klub der Berlin-Beweger, weil sie unsere Stadt von ihrer schönsten Seite zeigt.

Anne Maria Jagdfeld mit ihrem Sohn Nikolaus

Anne Maria Jagdfeld mit ihrem Sohn Nikolaus

Die nach oben offene „Skala des Guten Geschmacks“, wenn es sie mal geben sollte, müsste „Anne-Maria-Jagdfeld-Skala heißen“. Die Frau ist zuständig für die Eruptionen der Sinne. Frau Jagdfelds Gespür für Schönheit setzt Zeichen. Selbst eher im Hintergrund, hat die Unternehmerin, Interieur-Designerin und Kunstsammlerin die Hauptstadt zu ihrer Lebensmitte gemacht. Ein Bündnis auf Gegenseitigkeit, denn sie hat nicht nur Berlin, Berlin hat auch sie erobert.

Jaaaaa, raunen sich die Mottenkugeln in den Pelzen unserer Neidgesellschaft zu, die Frau hat es ja auch leicht, einen guten Geschmack zu haben – ihr Mann ist doch der vom Adlon, da spielt Geld eben keine Rolle …

Nun mal langsam. Ja, es stimmt: Frau Jagdfeld wird nie Hartz IV beantragen müssen. Ihr Mann Anno August Jagdfeld ist Unternehmer. Seiner Immobiliengruppe gehört u.a. das Hotel Adlon.

Was aber nicht stimmt: Geschmack ist nicht käuflich. Im Gegenteil: Luxus und schlechter Geschmack sind oft unzertrennlich. Für Schönheit braucht man ein Gespür!

Gedanken an die Nach-Wendezeit. Anne Maria Jagdfeld, geboren in Jülich, erinnert sich: „Als ich die Friedrichstraße das erste Mal sah, bestand sie hauptsächlich aus Lücken. Es war schwer vorstellbar, dass hier einst das Herz Berlins schlug. Und vor allem, dass daraus mal wieder eine Weltstadt-Meile werden würde. Aber genau das haben wir uns zum Ziel gemacht, mein Mann und ich. Die Öffnung der Mauer haben wir übrigens in Hongkong im Fernsehen verfolgt. Es hat uns innerlich aufgewühlt, und wir wussten, dass wir uns neue Aufgaben stellen würden.“

In der Friedrichstraße hat sie vor 14 Jahren den Departmentstore Quartier 206 eröffnet, als Geschäftsführerin der nach ihren Initialen benannten „amj holding Berlin“.

Damals hat die euphorische Gründerin viel Unverständnis erfahren und, wie das in Berlin ja nicht unüblich ist, viel Häme einstecken müssen. Das Herzstück des Gebäudes mit den geschwungenen Treppen und den schwarz-weißen Mosaiken, die den reisefreudigen Betrachter durchaus beabsichtigt an die Kirche San Marco in Venedig erinnert, versetzte die Betrachter „in gebannte Aufgeregtheit“, wie die Publizistin Inga Griese mal schrieb. In den ersten Monaten wurde mehr geguckt als gekauft. Die Berliner standen staunend da wie Reisende.

Anne Maria Jagdfeld ist auch Geschäftsführerin des China Clubs im Berliner Hotel Adlon

Anne Maria Jagdfeld ist auch Geschäftsführerin des China Clubs im Berliner Hotel Adlon

„Ich erinnere mich daran“, so „amj“, dass wir zuvor Markenfirmen überredeten, an die Friedrichstraße zu kommen. Armani, Prada, Jil Sander, Ralph Lauren – alle waren von der Idee begeistert und die Verträge nahezu besiegelt. Aber dann schauten sich ihre Manager das Umfeld der Friedrichstraße an, und das war’s dann … Das mussten wir dann eben alleine machen, mein Mann fand das richtig.“ Anno August Jagdfeld hatte gerade mit seiner Fundus-Gruppe nach zweijähriger Bauzeit im August 1997 die Hotel-Legende Adlon unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wieder eröffnet.

Sie ist Geschäftsführerin des von ihr gestalteten noblen China Clubs im Adlon, dem rund 700 Mitglieder der Gesellschaft angehören. Eine Oase inmitten der brodelnden Hauptstadt. Der chinesische Meisterkoch Tam, eigentlich mehr Zauberer als Küchen-Chef, verwöhnt die Gäste und bringt ihnen die kulinarischen Geheimnisse Asiens auf den Teller. Der Club ist so dezent, dass die Namen der Mitglieder nicht in der Öffentlichkeit genannt werden. Und die, die dazugehören, kennen sich sowieso. Bewerben kann man sich nicht. Man muss da schon von einem Mitglied empfohlen werden!

Anne Maria Jagdfeld, die gelernte Bauzeichnerin ist und Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie studierte, stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Ihr Vater war Bahnhofsdirektor in Köln. Ihre Familie fuhr Mitte der 50er Jahre einen VW Käfer. „Wir waren fast jedes Wochenende auf Achse. Die neue Mobilität! Vorne saßen die Eltern, hinten die Großeltern, ich zwischen Oma und Opa. Gepäck hatten wir auch. Es war eng und heiß. Aber es war schön.“

Die Frau ist im Vollbesitz ihrer Zeitnot, aber sie lässt sich Zeit. „Mich kann niemand hetzen“, sagt sie, „ich hasse Hektik. Meinen Mitarbeitern gebe ich die Zeit, die sie brauchen. Mein Motto ist ,Carpe diem’, ich pflücke den Tag.“

Die Frau hat starke Nerven, managt privat sechs Männer: ihren Ehemann und die fünf „Jungs“ zwischen 13 und 35 Jahren. Dafür braucht man absolute Führungsqualitäten. „Wir haben unseren Kindern die heute oft belächelten Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, Höflichkeit und gute Manieren beigebracht. Sie haben das Taschengeld bekommen, das uns von den Schulen als Richtwert genannt wurde. Wenn sie mehr brauchten, mussten sie sich das dazu verdienen.“

Seit 35 Jahren kaufte „amj“ Kunst. Junge Wilde waren dabei, als sie noch als Geheimtipp galten. Immendorff, Salomé, auch Baselitz, dessen Bilder auf dem Kopf hängen. „Einen Baselitz ließ ich mal bei uns im Esszimmer aufhängen. Mein Mann bat mich, ihn wieder abzuhängen. Das Bild machte ihn nervös.“

Inzwischen sammelt sie Kunst in und aus aller Welt. Thailand, China – die künstlerische Ferne liegt ihr nah. Verkaufen möchte sie keines der Objekte. Einige hängen im China Club, andere im Hotel. Auch in den von Sterne-Köchen geführten Restaurants „Gabriele“, und uma Berlin, die zur Adlon-Holding gehören.

Wie ein Rad, das aus sich selbst heraus angetrieben wird, hat weitere Projekte verwirklicht, zum Beispiel mit ihrem Sohn Nikolaus im Basement des Quartiers 206 einen Store für junge und avantgardistische Labels eröffnet, mit Kreationen internationaler Designer.

„Mal so gefragt, Frau Jagdfeld: Was ist Luxus?“ Na, darauf hat sie gewartet: „Luxus ist eine Gegenbewegung zu den massenhaften Billiganbietern, die mit Slogans wie ,Geiz ist geil’ oder ,Alles muss raus’ um sich werfen und durch die immer schnellere Befriedigung immer neue Bedürfnisse für eine rücksichtslose Verschwendung begrenzter Ressourcen und für gigantische Müllberge sorgen.“

Bei Ikea kennt sie sich übrigens auch aus. Hat vor einiger Zeit in ihrem Aachener Haus mehrere Garagen zu einer Waschküche umgebaut und dafür die Schränke bei Ikea gekauft. Eine Frau für alle Fälle.

Und was könnte mal eines hoffentlich fernen Tages auf Ihrem Grabstein stehen, Frau Jagdfeld? Auf diese, jedem Berlin-Beweger gestellte Frage, antwortet sie spontan: „Carpe diem“. Es ist ein Nachwort an jene, die noch im Leben stehen und es noch pflücken können …