Lutz Michael Stenschke

Lutz Michael Stenschke
Klub der Berlin‑Beweger

Der Wurstinator - Lutz Michael Stenschke, Unternehmer und Currywurst-Instanz

Lutz Michael Stenschke ist im KAUPERTS-Klub der Berlin‑Beweger, weil sein „Curry 36“ auch Touristen aus aller Welt anlockt und selbst die Chinesen schwärmen lässt von „Bellinel Cullywulst“.

Diplom‑Wurstologe Stenschke: „Die Qualität muß stimmen …“

Diplom‑Wurstologe Stenschke: „Die Qualität muß stimmen …“

Als der liebe Gott mit der Schaffung der Welt fertig war und schon fast Feierabend machen wollte, war ihm plötzlich noch nach was Scharfem. Und da legte er die Berliner Currywurst nach. Darauf stieg die Zahl der Gottverehrer um ein Vielfaches. War auch wirklich eine coole Idee, die der Alte da hatte.

Berühmt wurde damit die „Heilige Herta“ (Heuwer), die als Erfinderin der Currywurst auf Erden gilt. Sie betrieb, wie jeder kultivierte Mensch weiß, die erste Currywurst‑Bude am Stuttgarter Platz. Das war nach dem Krieg, als die Amerikaner uns außer dem Frieden auch den Ketchup beschert hatten.

Versuche von anderen Regionen, die „Erfindung“ der Currywurst für sich zu reklamieren, sind daher völlig absurd und eher peinlich. Da muss selbst der so geliebte Herbert Grönemeyer mit seiner Currywurst‑„Hymne“ ganz stark sein. Aus dem Ruhrpott kommt unsere „Curry“ jedenfalls nicht!

Der Mann, der heute als Berliner höchste Currywurst‑Instanz gilt, heißt Lutz Michael Stenschke. Sein Name ist weniger bekannt als sein Leckerschmecker‑Dorado „Curry 36“ am Mehringdamm 36. Da futtern die Berliner und die Touris aus aller Welt so heftig, als würde es morgen nichts mehr geben. Und das wiederholt sich nun Tag für Tag. Seit 30 Jahren! Erst kürzlich wurde groß gefeiert.

Lutz Michael Stenschke im Gespräch mit unserem Autor Bernd Philipp

Lutz Michael Stenschke im Gespräch mit unserem Autor Bernd Philipp

Hier kann sich der Kunde im Schlangestehen üben, was ja früher in Ost‑Berlin zum Alltag gehörte. Nur mit einem Unterschied: Wer bei „Curry 36“ an der Reihe ist, der kriegt auch was. Die Touristikunternehmen haben die Wurst‑Station längst in ihr Rundfahrt‑Programm aufgenommen. Manchmal stehen bis zu drei Busse vor der Tür. Die legendäre Currywurst gehört einfach dazu, und preiswert ist sie obendrein.

Besonders hübsch anzusehen, sind Besuchergruppen aus Japan oder China, die die Frage „mit oder ohne?“ (Darm) etwas ratlos mit einem Lächeln beantworten.

Was zieht die Leute auch aus anderen Berliner Bezirken bloß so magisch an?

Lutz Michael Stenschke, vom Typ her besonnen und vor allem bescheiden und alles andere als ein Berliner Original wie ein Wurschtmaxe, antwortet: „Unser Erfolgsrezept ist, dass wir kein Erfolgsrezept haben. Es ist doch ganz einfach: Die Qualität muss stimmen und die Preise auch. Es ist alles sehr sauber und von den Geräten her auf dem jeweils neuesten Stand. Und das Personal ist wichtig. Unseres ist schnell und freundlich. 25 Mitarbeiter in verschiedenen Schichten sorgen für prompte Bedienung. Kein Kunde soll sich beim Bestellen gehetzt fühlen.“

Für den freundlichen und kessen Grundton sorgt Vera Stenschke, die Ehefrau des Unternehmers, der auf Rügen zwei feine Hotels (mit noch einmal 45 Mitarbeitern) besitzt, darunter auch das 4‑Sterne‑Wellness‑Hotel „Fürst Jaromar“.

Mit seiner Frau Vera hat Stenschke (Jahrgang 1956) das Geschäft ganz nach vorn gebracht. Auch bei den Stenschkes zeigt sich, wie wichtig es ist, dass man fleißig mitmischt im Betrieb und dass man sich nicht zu schade sein darf, mehr zu arbeiten als die Mitarbeiter.

Natürlich gönnt sich der Chef auch mal selbst eine Curry. „Aber nur bei mir“, meint er, „habe es auch anderswo probiert und muss sagen: kein Vergleich!“

Vera und Lutz Michael Stenschke

Vera und Lutz Michael Stenschke

Aufgewachsen ist Stenschke in Lübars. Dorthin pilgerten vor der Wende die Familien, um in ländlicher Atmosphäre den Kindern mal ein Kornfeld oder eine „richtige“ Kuh zu zeigen. Lübars – ein richtiges Dorf in West‑Berlin. Sonntags war da im Sommer die Hölle los, was immerhin die dortige Gastronomie belebte, wenn auch die Dorf‑Bewohner unter der Auto‑Invasion „aus der Stadt“ gelitten haben.

Gelernt hat Stenschke Maschinenbau, und seine erste „Berührung“ mit der Currywurst hatte er als Kind auf dem U‑Bahnhof Leopoldplatz. Da ließ er dann so einiges vom Taschengeld.

Den Gedanken, später selbst mal einen Imbiss aufzumachen, hatte er nie. Das ergab sich einfach so in den ersten Jahren der 80er. „Eine kleine Bude in der Levetzowstraße“, erinnert sich Stenschke, „aber die lief schon vom ersten Tag an ganz gut. Am Eröffnungstag hatten wir 550 Mark in der Kasse und waren hoch zufrieden.“ Kann man sich vorstellen. Entsprach das doch der Erwartung Berliner Geschäftsgründer, die von ihren Vätern mit auf den Weg bekamen: Um zu beurteilen, ob ein Laden Erfolg hat, muss man die Einnahmen des ersten Tages zugrunde legen. Wenn die der Monatsmiete oder der monatlichen Pacht entsprechen, könnte der Laden laufen …

Das hatte Stenschke nun auf Anhieb erreicht und bekam Appetit auf mehr, unternehmerisch gesehen …

Zu den passionierten Kunden von „Curry 36“ gehören auch viele Berliner Spitzenköche. Wenn die in ihren noblen Küchen Feierabend machen und genug haben von gebeiztem Lachs‑Carpaccio an der freilaufenden Möhre, dann haben sie zwangsläufig ein Verlangen nach 'nem scharfen Abgang.

Die Sterne‑Köche sind übrigens oft regelrechte Verschlinger, die geborenen Schnellkoster, die sich kaum Zeit nehmen, mal in Ruhe zu essen. Selbst wenn sie es versuchen, putzen sie ihren Teller schnell leer, weil sie immer denken, gleich wieder in der Küche gebraucht zu werden.

Ganz anders da Lutz Michael Stenschke, der Diplom‑Wurstologe. Der ist ein Genießer, kennt sich aus in der Berliner Spitzengastronomie und ist mit den meisten Meistern per Du.

Lutz Michael Stenschke (links) probiert das Florida‑Eis von Eisfabrikant Olaf Höhn (rechts), der gerade „Curry 36“ testet

Lutz Michael Stenschke (links) probiert das Florida‑Eis von Eisfabrikant Olaf Höhn (rechts), der gerade „Curry 36“ testet

Viele meinen ja doch zu wissen, was das Besondere an der Curry bei „Curry 36“ ist: der Ketchup. „Wenn es ein spezielles Rezept geben würde“, lenkt Stenschke ab, „würde ich es natürlich nicht preisgeben.“

Ich als Berliner Autor und Journalist, der mit der Currywurst aufwuchs und quasi sozialisiert wurde, behaupte einfach mal: Der Mann sagt in diesem Fall nicht die Wahrheit …

Warum sonst gibt es „Curry 36“‑Ketchup auch im Supermarkt bei „Kaiser's“ neben den Produkten von Heinz und Kraft?

Es gibt eben doch ein Geheimrezept: Der Stenschke‑Ketchup hat einen Tomatenmark‑Anteil von 87%! Die Flasche kostet im Handel 1,99 €. „Tja“, meint Stenschke mit einer Spur von Unterstatement, „ist schon was Besseres, was wir da anbieten …“

Die Stenschkes haben übrigens noch ein Premium‑„Produkt“: ihre Tochter. Sie heißt Stephanie und studiert Tiermedizin, will Tierärztin werden. Als Vegetarierin isst sie keine Currywurst. Manchmal fällt der Apfel doch weit vom Stamm …

Übrigens: Bei „Curry 36“ gibt es auch eine Bio‑Wurst. Die unterscheidet sich von den anderen durch eine feinere Konsistenz, was durch die hochwertige Fleischqualität gewährleistet wird.

Stephanie ist mit Mirko Großmann verheiratet. Der ist von Hause aus Diplom‑Sportwissenschaftler und zurzeit organisierend im Geschäft tätig. Als nächste Aufgabe hat er sich vorgenommen, eine Visitenkarte für den Schwiegervater drucken zu lassen. Stenschke: „Soll er mal machen, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie eine Visitenkarte brauchte und hatte …“

„Und was sollte eines hoffentlich fernen Tages mal auf Ihrem Grabstein stehen?“ frage ich mit dem Hinweis, dass die Frage so ganz ernst nicht zu nehmen ist.
„Letzte Bestellung geht aufs Haus …“