Michael Lindner

Michael Lindner
Klub der Berlin‑Beweger

Der Feinkost‑König von Berlin – Michael Lindner, Unternehmer

Michael Lindner ist im KAUPERTS-Klub der Berlin-Beweger, weil er Mensch, Chef und Verwöhner ist.

Er hat, wie es Oscar Wilde formulierte, einen ganz einfachen Geschmack und ist stets mit dem Besten zufrieden.

Michael Lindner, 1952 geboren, ist eine Institution in Berlin und steht für Gourmetfreuden der besonderen Art. In 32 Hauptstadt-Filialen (und neun in Hamburg) von „Feinkost Lindner“ werden seine, in der eigenen Küchenmanufaktur von Kreativ-Köchen gefertigten Köstlichkeiten angeboten. Und natürlich edle Käse-, Wurst- und Schinken-Spezialitäten und vieles mehr.

Bei Lindner bewahrheitet sich die Erkenntnis, dass Qualität ihren Preis hat. Es sind eben keine Lidlaldinormapenny-Filialen.

Und: Bei Lindner gibt es sie noch, die sinnlichen Momente des Alltags. Etwa das Klopfen von Butter aus dem Fass. Und wenn dann der rifflige Spachtel die Butter in Form bringt und mit dem letzten Schlag ein feines Muster entsteht, dann ist das quasi Kunst an der Natur.

Nichts gegen die angeblich lebensverlängernden Cholesterinsenker in Halbfettmargarine mit ihren Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren und Betakarotinfarbstoffen – aber was ist das alles gegen die „gute Butter“ von Lindner?

Mit Michael Lindner kann man über alles reden, am liebsten aber über das Genießen. Da ist zum Beispiel der inzwischen zum Klassiker avancierte „Landrahm mit Frühlingszwiebeln“, auch dessen „Bruder“, der „Winterlandrahm“, veredelt mit Lachs.

Die Firmen-Zentrale ist am Ostpreußendamm in Lichterfelde-Süd. In den verschiedenen Bereichen, also auch in den Filialen und im Catering, beschäftigt das Unternehmen rund 560 Mitarbeiter, von denen die allermeisten ihren Chef wie ein Familien-Oberhaupt schätzen. Für die ist Michael Lindner ein Chef mit Herz, der jedem Mitarbeiter persönlich zum Geburtstag gratuliert und sie mit einem freien Tag beschenkt. In Zeiten der haar-gegelten Manager und Leute-Entlasser ist Michael Lindner ein Exot!

Als er vor vier Jahren von der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer zum „Unternehmer des Jahres“ gekürt wurde, legten alle Mitarbeiter zusammen und schenkten dem Chef eine ganzseitige Zeitungsanzeige: „Ausgezeichnet, Herr Lindner! Gute Arbeit. Guter Stil. Gut, so einen Chef zu haben…“ Dann folgten alphabetisch die Namen aller damaligen Mitarbeiter – von Lorita Abu Ramadan bis Udo Zuch.

„Die Anzeige hat mich völlig umgehauen“, erinnert sich Lindner, „ich war sehr gerührt und habe mich darüber fast noch mehr gefreut als über die Auszeichnung selbst.“

Michael Lindner, verheiratet und Vater von fünf Kindern zwischen 18 und 30 Jahren, gehört zu den Unauffälligen in der Gilde der Erfolgreichen. Partys- und Promizusammenkünfte jeder Art sind nicht unbedingt sein Ding.

Manchmal, wenn er sich vorstellt und seinen Namen nennt, sagt schon mal jemand: „Ach, Sie sind also der Herr Butter-Lindner…“ Damit muss (und kann) er leben, hat doch der Name „Butter Lindner“ das Unternehmen einst geprägt und bekannt gemacht.

Vor 60 Jahren hatte sein Vater Robert Lindner das Geschäft Butter Lindner gegründet. Auf einem Wochenmarkt in Schmargendorf am Kolberger Platz fing alles an – mit einem Stand für Milch, Käse und Butter. Noch heute ist das Unternehmen aus guter alter Tradition auf Wochenmärkten vertreten. 1964 wurde in Spandau die erste Filiale eröffnet. 15 Jahre später waren es schon 25 Geschäfte, 1998 begann die Expansion nach Hamburg. Feinste Ausstattung und feinste Lagen.

Der Hauptstadt-Verwöhner, der BWL in Berlin studierte und ein Feinkost-Volontariat in Stuttgart absolvierte, bevor er in den Betrieb der Familie einstieg, redet nicht gern über private Dinge.

Seine engste Mitarbeiterin, Claudia Mehrl aus der Geschäftsleitung, versichert mir, dass ich nichts von ihm an privaten Dingen rausbekommen werde. Ich versuche es erst gar nicht. Warum auch. Aber immerhin erfahre ich was über seine Schulzeit: „Sport war mein Lieblingsfach. Mit den Naturwissenschaften stand ich immer auf Kriegsfuß, in Kunst war die Fünf eine ständige Begleiterin. Ich liebe Musik, spiele heute noch Klavier und Orgel.“ Und: „Ich habe ganz gut Fußball gespielt, aber war in keinem Verein.“

Fragen an Michael Lindner:

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler hat Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und dabei Ihr vorbildliches Engagement bei der Ausbildung von jungen Menschen gewürdigt. Und jedes Jahr gehören Sie zu „Ausbildern des Jahres“. Wie machen Sie das?
„Wir bilden insgesamt derzeit rund 50 Lehrlinge aus, darunter neben Verkäufern auch Bürokaufleute, Systemgastronomen und Kaufleute für visuelles Marketing. Bei guter Leistung können sie ihre Lehrzeit verkürzen. Das ist Ansporn.“

Und was ist danach?
„Wir übernehmen alle Auszubildenden bei guter Leistung. Immerhin kommen 70 Prozent unserer Filialleiter aus unserer eigenen Ausbildung.“

Was erwarten Sie von den Azubis?
„Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Freude an der Arbeit, Pflichterfüllung, Fleiß und Rücksichtnahme auf andere. Die klassischen Werte, wenn Sie so wollen. Die haben immer ihre Bedeutung, so gesehen, sind es nicht alte, sondern ganz moderne Werte.“

Was hat sich eigentlich im Konsumbereich Ihrer Kunden geändert?
„Mit den Zeiten haben sich auch die Eßgewohnheiten in den Familien verändert. Gemeinsame Mahlzeiten sind eher selten geworden. Es geht ja heute hektischer zu als früher. Es ist die Zeit von Salaten, belegten Baguettes, kleinen Gerichten, die individuell zusammengestellt werden. In unseren Filialen nutzen viele das reichhaltige Angebot.“

Mit einer Jubiläums-Kollektion feiert Lindner in diesen Monaten „60 Jahre Esskultur“. Vom Zeitgeist inspiriert, werden 6 Jahrzehnte kulinarisch interpretiert. Eine Zeitreise von den Wirtschaftswunderjahren der 50er bis über die Stationen „Protest und Befreiung“ (60er), „Flower Power“ (70er), „Wohlstand“ (80er), „Globalisierung“ (90er) bis heute, „Individualität“. Eine Hommage als Gaumenkitzel.

Übrigens: Nach Lindners Selbstverständnis gehören zur Feinkost nicht nur Lachs, Trüffel oder Kaviar. Sondern durchaus auch Kartoffelsalat und Buletten. „Wenn die Zutaten vom Feinsten sind, handelt es sich um Feinkost“, sagt er. Und dagegen wird niemand was sagen können.

Dass er im Vollbesitz ausgeprägter Sachlichkeit ist wird deutlich, als ich ihm die am Schluss eines jeden Berlin-Beweger-Gesprächs übliche und nicht ganz ernst gemeinte Frage stelle, was denn mal eines hoffentlich fernen Tages auf seinem Grabstein stehen könnte?
Da muss er nicht lange nachdenken: „Michael Lindner.“ So ist er!