Walter Müller

Walter Müller
Klub der Berlin‑Beweger

Manager, Nostalgiker und Freund der Werte – Walter Müller, Direktor der Berliner Daimler-Niederlassung

Walter Müller ist im KAUPERTS-Klub der Berlin-Beweger, weil er heute weiß, wie wir morgen Auto fahren werden.

Walter Müller, Direktor der Berliner Daimler-Niederlassung

Walter Müller, Direktor der Berliner Daimler-Niederlassung

Er hat die noble Ausstrahlung eines Mannes, den jeder als Chef ausmacht. In Sterne-Restaurants weist man ihm immer den besten Platz zu. Nicht nur, weil er selbst einen Stern hat. Und was für einen!

Treffen mit Walter Müller, Direktor der Berliner Mercedes-Benz-Niederlassung am Salzufer. Natürlich hatte ich mich vor dem Gespräch mit Walter Müller ein wenig über die Daimler-Angebotspalette informiert. Als Technischer Idiot, der ich bin, wollte ich doch wenigstens so tun, als würde ich nicht reden wie der Blinde von der Farbe. Den Aufwand hätte ich mir sparen können: Müller lenkt zu meiner großen Verblüffung unsere Tour d’Horizon auf ein ganz anderes Terrain. Es geht um Heimat, um Kindheit und Jugend in einem ländlichen Idyll, um den Geruch von Heu („auf dem Heuwagen ganz oben sitzend, ist man dem Himmel viel näher“), den familieneigenen Garten mit Pfirsichen, Pflaumen und Beeren. Um Freundschaften, Werte – und um Liebe.

„Meine Frau“, erzählt er, „habe ich kennen gelernt, als ich 15 war. Seitdem sind wir zusammen. Sie ist das größte Glück meines Lebens. Ihr habe ich alles zu verdanken.“

Müller ist ein Fan der G-Klasse. Das G steht in diesem Falle für Gabriele. So heißt seine Frau, Mutter der beiden erwachsenen Müller-Söhne. Sie, wird er später noch ausführen, „ist mein Hafen, der strahlende Stern am Firmament.“ Der Mann kennt sich aus mit Sternen. Sie haben seine Karriere geprägt.

„Ich hatte eine behütete Kindheit“, erzählt er, „mein Vater war Spengler (Klempner – die Red.), Installateur und Heizungsmonteur in einem. Hatte große handwerkliche Begabungen, konnte eigentlich alles. Mutter war der Chef im Haus. Die Eltern mussten hart arbeiten. Im Herbst zogen wir alle mit den Bauern aufs Feld. Für die Arbeit bekamen wir unsere Winterkartoffeln. Aufgewachsen bin ich in dem kleinen Ort Lützelsachsen an der Bergstraße, drei Kilometer von Weinheim entfernt. Für uns war Weinheim ganz weit weg, und wenn wir da mal mit der Bahn hinfuhren, hieß es immer: ,Wir fahren in die Stadt’. In Lützelsachsen kannte jeder jeden. Und jeder hat sich für jeden interessiert. Wie geht es dem Großvater? Ist die Mutter wieder gesund? Neid gab es nicht. Es hatten ja alle gleich viel oder gleich wenig. Hauptsache, es gab zu Essen und zu Trinken und man war fröhlich. Ich bin oft in meiner Heimat und habe dann die Bilder von früher vor Augen. Und auch die Gerüche, die ich damals wahrgenommen habe, sind dann wieder da.“ Müllers letzter Besuch in Lützelsachsen liegt nur drei Wochen zurück.

Sympathischer Manager mit Charisma und Humor: Walter Müller

Sympathischer Manager mit Charisma und Humor: Walter Müller

Frage: „Als Sie Ihrer Frau vor drei Jahren erzählt haben, dass Sie gedenken, auch noch das Ehrenamt des Vorsitzenden beim ADAC Berlin-Brandenburg zu übernehmen, soll sie Sie für verrückt erklärt haben. Bei dem, was Sie alles machen – hatte sie da nicht auch ein bisschen Recht?“
Müller lacht. „Hatte sie, ja, das stimmt. Deshalb bin ich jetzt auch auf die Bremse getreten und habe das Amt beim ADAC schweren Herzens niedergelegt. Ich hatte ja kaum noch Zeit für meine Frau und für die Familie.
Aber ich bin nach wie vor vom ADAC begeistert, weil er ein treuer Dienstleister ist. Was er verspricht, das hält er. Jeder kann sich auf ihn verlassen. Das spricht sich rum, auch bei der jungen Generation. Außerdem: 17 Millionen Mitglieder – das spricht doch für sich.“

Über Daimler, seit mehr als 100 Jahren in Berlin vertreten, wurde auch viel gesprochen in den letzten Wochen. Anlass: Das Weggehen der Vertriebszentrale vom Potsdamer Platz an das Friedrichshainer Spreeufer, unmittelbar neben der O2-World. Mitte 2013 sollen dort die jetzt 1.200 Mitarbeiter ihre Büros beziehen. Ein Standort-Wechsel, der perspektivische und auch tarifrechtliche Gründe hat.

„Daimler hatte am Potsdamer Platz damals die Funktion einer Klammer zwischen Ost und West“, erläutert Müller, „dieser Aufgabe haben wir uns gestellt. Ein solcher Entwicklungsimpuls für die Hauptstadt Berlin ist am Potsdamer Platz heute nicht mehr zwingend erforderlich. Und außerdem sind wir als Unternehmen für Berlin auch am neuen Standort ein zuverlässiger Partner.“

Was sagt denn der Berliner Daimler-Chef zum Auto von morgen, Was kommt da auf uns zu?
„Der Wunsch nach individueller Freiheit beim Autofahren wird bleiben. Autoschlüssel werden in zehn Jahren bei Neuwagen kein Thema mehr sein. Er gibt dann elektronische und andere Möglichkeiten, um die Türen des Wagens zu öffnen. Einparken bereitet keine Probleme mehr. Schon jetzt gibt es ja Autos, die das allein erledigen. Irgendwann ist der Wagen sein eigener Chauffeur. Immer wichtiger werden die Arbeitsmöglichkeiten im Auto. Politiker, Manager usw. sind ja sehr viel unterwegs und müssen von Termin zu Termin. Längst gibt es die Vision vom unfallfreien Fahrzeug. Kritische Situationen werden rechtzeitig erkannt und behoben.“

Wie wird es mit der Umwelt ausschauen?
Walter Müller: „In ein paar Jahrzehnten werden wir schadstofffrei fahren, und die Karossen sind zu 100 Prozent recyclebar. Rohstoffe sind rar und viel zu teuer.“

Walter Müller und unser Autor Bernd Philipp in der Mercedes-Welt am Salzufer: Hier stehen nicht nur Neuwagen zum Verkauf, sondern auch Oldtimer – die allerdings nur zum Bewundern

Walter Müller und unser Autor Bernd Philipp in der Mercedes-Welt am Salzufer: Hier stehen nicht nur Neuwagen zum Verkauf, sondern auch Oldtimer – die allerdings nur zum Bewundern

Natürlich muss ich den Daimler-Boss nach seinem ersten eigenen Auto befragen.

„Das war ein froschgrüner Fiat 500 Jagst, mein großer Stolz. Zuvor habe ich jeden Sonnabend den Mercedes 180 Diesel meines Bruders gewaschen und mir ein bisschen Geld verdient. Wir hatten einen Deal gemacht: Er ging abends zum Tanzen, und wenn er wieder nach Hause kam, gab er mir am Sonntag das Silbergeld, das er lose in den Taschen seiner Jacke trug. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er, um mich nicht zu enttäuschen, immer noch was dazugepackt hat. Jedenfalls konnte ich von seinem Geld immer ins Kino gehen oder Eis essen. So einen großzügigen Bruder hatte nicht jeder.“

Der Aufschwung der 50er Jahre machte auch im kleinen Lützelsachsen Halt. Irgendwann war ein Fernseher im Haus. „Als wir noch keinen eigenen hatten, durften wir bei Nachbarn fernsehen. Da brachten wir und auch andere jeder einen Stuhl mit, und die Wohnstube sah aus wie ein kleiner Kinosaal. Erinnern kann ich mich noch an den Mehrteiler ,So weit die Füße tragen’, an die Krimis der Reihe ,Stahlnetz’ – und an die ,Familie Hesselbach’.“

Als ein Mann des Jahrgangs 1948 erlebte er natürlich die Rebellion der „68er“. „Anfänglich sogar mit großer Sympathie, weil uns das überbordende Traditionsbewusstsein der Professoren einfach auf den Keks ging. Aber als ich merkte, dass eine Handvoll Kommilitonen den ganzen Hörsaal leer fegte, eine organisierte Minderheit die Mehrheit tyrannisierte und immer militanter wurde, war mein Kampf gegen das Establishment bald zu Ende.“

Eine ungewöhnlich formulierte Zeitungsanzeige war es, die den Berufsweg Müllers wesentlich prägen sollte: „Der schöne schwere Weg“ hieß es da. Ein Inserat von Daimler. Das Unternehmen suchte Abiturienten und Hochschulabsolventen zur Ausbildung im Vertriebsbereich. Standort: Mannheim.

„Da gehst du einfach mal direkt hin“, stachelte ihn seine G-Klassen-Gaby an. Hast doch nichts zu verlieren.“ Er hat es gemacht. Lief dem kaufmännischen Leiter über den Weg, auf den er einen etwas unkonventionellen Eindruck machte. Irgendwie fand der Gefallen an dem jungen Mann, der einfach hineinschneite. Gab ihm aber noch auf den Weg, bei der offiziellen Vorstellung es mal mit Hemd, Krawatte und einem Sakko zu versuchen. Natürlich bekam er den Ausbildungsplatz. Seitdem hat er eine fast sinnliche Beziehung zum Vertriebswesen. „Vertrieb ist das A und O“, erklärt er, „man muss sich jeden Tag neu bewähren.“

Walter Müller in der Mercedes-Welt am Salzufer

Walter Müller in der Mercedes-Welt am Salzufer

Müller, möchte man meinen, ist einer, dem alles zu gelingen scheint. Man könnte ihn allein in der Sahara absetzen – dann würde dort sicher sehr schnell ein Daimler-Wüsten-Stern blitzen.

„Ging es wirklich immer nur aufwärts?“, will ich wissen.
„Nein“, sagt er, „das geht nicht, und das wäre auch nicht gut, weil es gerade die Niederlagen sind, die einen wachrütteln und neu motivieren.“

Er erzählt, dass er als Jugendlicher Leistungssportler war, als Leichtathlet zum Kader des DLV gehörte und von den Olympischen Spielen träumte. Dann wurde er sehr krank, musste sich von seinen Plänen verabschieden. „Krankheiten“, sagt er, „haben mein ganzes Lebens begleitet. Es gab immer wieder Rückschläge. In solchen Phasen stand mir die Familie zur Seite, auch gute Freunde. Und natürlich meine Frau. Sie ist für mich der wichtigste Mensch überhaupt. In ihr bündeln sich Geborgenheit, Vertrautheit und Liebe.“
Der liebe Gott muss in Hochform gewesen sein, als er Gabriele schuf.

Apropos Gott: „Ich bin bekennender evangelischer Christ. Die Kirche gibt mir sehr viel“, sagt Walter Müller.

Ob denn so eine Karriere, wie er sie gemacht hat – also von ganz unten nach ganz oben –, auch heute noch möglich wäre, wo doch überall die alerten Manager-Darsteller auf dem Vormarsch sind?
„Klar, die wird es immer geben. Wenn jemand von zu Hause das Rüstzeug und die richtigen Werte vermittelt bekommt, wenn er fleißig ist und sich selbst immer wieder einem inneren Check-up unterzieht, sich auch mal in Frage stellt – dann kann er es zu etwas bringen. In unserem Unternehmen kenne ich mehrere dieser Hoffnungsträger, die ihren Weg machen werden. Das sind die Leute, die die Dinge künftig vorantreiben und neue Wege gehen.“

Eine Berliner Institution liegt Walter Müller besonders am Herzen: Hertha BSC. Da war er in der Saison 1998/’99 mal Präsident, betrieb mit anderen gegen den Willen des Vereins den Umbau des Olympiastadion und verschaffte dem Verein einen Pachtvertrag für 55 Jahre. Unter seiner Ägide spielte Hertha in der Champions League … Lang, lang ist’s her. Heute sieht es anders aus. „Hertha wie die Stadt überhaupt verträgt kein Mittelmaß“ sagt er und hofft auf den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Aufstieg! Und wie ist es mit dem Einstieg junger Leute ins Berufsleben? Was sollte diese Generation beachten?
Müller: „Die klassischen Werte wie Fleiß, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind unabdingbar. Die jungen Leute sollten sich überlegen, für was sie sich interessieren. Die alten Traditionsmodelle gehören auf den Prüfstand: Die Eltern mögen ihren Rat geben, aber entscheiden muss das jeder für sich. In unserer sich ständig verändernden Welt muss es eine starke Bereitschaft zu Umorientierung geben. Wer ein Studium anfängt und spürt, dass es nicht das richtige Fach ist, sollte wechseln und darf sich nicht als Versager und Abbrecher fühlen. Natürlich sollte er sich nach Möglichkeit umsehen in der Welt, andere Kulturen kennen lernen und Kontakte knüpfen.“

Eine Frage, die wir jedem Berlin-Beweger mit einem Augenzwinkern stellen: „Was sollte eines hoffentlich noch fernen Tages mal auf ihrem Grabstein stehen?“
Walter Müller: „Immer gut gefahren, dem Stern nach …“